Bundesverfassungs-gerichtKarlsruhe

Leistung:
4. Preis
Fertigstellung:
2011
Städtebauliches und architektonisches Konzept

Die grundlegende Frage, ob im Bereich des Botanischen Gartens überhaupt gebaut werden kann und darf, wird in der gegenwärtigen Diskussion kontrovers beurteilt. Auch wir sehen eine Bebauung dieser sensiblen "Kunstlandschaft" sehr kritisch. Konventionelle Architektur-Lösungen - auch wenn sie sich im Entwurf "leicht" und transparent geben und den Eingriff auf diese Weise harmloser erscheinen lassen, als er sich in Realität darstellt - scheiden für uns aus. Wir schlagen stattdessen vor,
mit Mitteln gärtnerisch-landschaftlicher Gestaltung zu arbeiten und die Erweiterung des Bundesverfassungsgerichts, gegliedert in drei plastische Formen, als "Gartenarchitektur" auszuführen. Damit sind die Neubauten organisatorisch zwar Teil des Funktionskomplexes BVerfG, optisch jedoch werden sie Teil des Botanischen Gartens und integrieren sich in ihrer organischen Gestalt in dessen künstlerisch-freiräumliches Konzept.
Das geforderte Volumen soll nicht "vertuscht" werden; durch die Gliederung in drei Elemente, die Rundform sowie die Betonung der Höhe zugunsten einer Reduktion der Grundfläche und damit der optisch wirksamen Breite entsteht jedoch ein aufgelockertes Ensemble, das Grundformen (Kreis) und Proportionen (Baumkronen) des Gartens aufnimmt und in seinen Oberflächen auf den sich fortwährend verändernden Charakter der Natur (Wechsel der Jahreszeiten) reagiert.
Das Prinzip freistehender Körper mit Durchblicken verlangt einen Verzicht auf eine oberirdische Verbindung. Die Erschließung wird unterirdisch hergestellt und mit der Caféteria und einem kleinen Patio zu einer gut belichteten, erlebnisreichen Raumfolge entwickelt. Die Caféteria öffnet sich auf den abgesenkten Freibereich vor dem Bauteil II, der als Rosengarten gestaltet wird.
Die Rundform der Baukörper entsteht nicht nur aus der besondere Situation der Umgebung; durch die unterschiedliche Orientierung bietet sich – bei gleicher Größe und Ausstattung – ein Spektrum von Raumqualitäten und Tageslichtsituationen, das auf die individuellen Bedürfnisse der dort Arbeitenden reagieren kann.


Konstruktion, Baustoffe

Die Gebäude sind als Massivbauten konzipiert (Decken Stahlbeton, tragende Wände Mauerwerk/Stahlbeton). Die Decken liegen auf den Außenwänden sowie einer zentralen Wandscheibe an der Treppe auf (Stützweite max. 7,0); Geschoßhöhen (Büros): 3,30 m.
Die Außenwände bestehen aus Mauerwerk (d = 49 cm), berankt mit wildem Wein (Parthenocissus quinquefolia und Parthenocissus tricuspidata), der direkt auf dem Außenputz klettert und die Baukörper mit einer dichten natürlichen "Schale" umgibt, die sich im Lauf des Frühlings und Sommers von hellem zu dunklem Grün, im Herbst zu leuchtenden Rot- und Gelbtönen färbt und im Winter schließlich als reine, unbelaubte Struktur prägnant in Erscheinung tritt.
Die dicken Mauern in Kombination mit der schützenden Hülle des wilden Weins sind ein hervorragender Wärmespeicher, gleichzeitig schützen sie im Sommer vor Überhitzung. Die Werte der Energieeinsparverordnung werden eingehalten.
Die Größe der Fenster (Holz) ist auf die Funktion der Räume abgestimmt; variabler Sonnen- und Blendschutz, individuell regelbar; konventionelle Lüftung über Öffnungsflügel.
Angestrebt wird keine "High-Tech-Atmosphäre", sondern ein möglichst natürliches, wohnliches Arbeitsumfeld, das auf die individuellen Wünsche der Menschen Rücksicht nimmt).

Ökologie, Haustechnik

Verwendung natürlicher bzw. regenerierbarer Baustoffe.
Kurze Installationswege durch kompakte Bauformen und sich wiederholende Elemente; vertikale Leitungsführung in Sammelschächten, Horizontalverteilung im Fußbodenaufbau.
Das ökologische Konzept basiert im Wesentlichen auf einer dichten Fassadenbegrünung. Die positiven Wirkungen einer solchen "Pflanzenhülle" lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

- Wärmedämmung durch Luftpolsterbildung
- Verringerung des Wärmeverlustes des Gebäudes durch Abhalten des Windes von der Fassade
- Verringerung des Wärmeverlustes des Gebäudes durch Reflexion und Absorption eines Teils der langwelligen, vom Gebäude nach außen dringenden Wärmestrahlung
- Verringerung des Wärmeverlustes infolge der durch nächtliche Kondenswasserbildung (Taubildung) entstehenden Wärmerückgewinnung
- Umwandlung der Windenergie in Wärme
- Kühlwirkung bei Sonneneinstrahlung durch Wärmeverbrauch für die Verdunstung, Strahlungsabsorption für die Fotosynthese und Strahlungsreflexion
- Reinigung der Luft von Schmutzpartikeln
- Anreicherung der Luft mit Sauerstoff
- Anreicherung der Luft mit Feuchtigkeit
- Schallschutz durch Schallreflexion und -absorbtion, sowie Minderung der subjektiven Lärmwahrnehmung durch windbedingte Rausch-und Raschelgeräusche in den Blättern
- Erhöhung der Fugendichtigkeit von Wänden, Fenstern und Türen durch Verringerung des Winddruckes
- Schutz von Putz und Mauerwerk vor starken Temperaturschwankungen, UV-Strahlen und Schlagregen (dadurch Verlängerung ihrer Lebensdauer).